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   gestern abend, diplompräsentation an der universität der künste, berlin. vorgestellt wird die abschlussarbeit eines designers, deren aufwändiger liveinstallation ich vor ein paar tagen dokumentierend beiwohnen durfte: eine anspruchsvolle apparatur mit seilen, rollen und sensoren, mit deren hilfe acht leibhaftige tänzer in der tanzsaalmitte installierte klangkörper mittels ihrer individuellen bewegungen auf und ab schweben lassen können. der clou dabei ist, dass jeder einzelne dieser acht klangkörper eigentlich ein lautsprecher ist, welcher jede bewegung mit einem individuell vorprogrammierten ton oder klang quittiert. die wirkung dieser installation ist verblüffend: noch während die tänzer spielerisch die möglichkeiten erkunden, entsteht bereits ein interaktives visuelles wie auch akustisches gesamtbild, der regisseur - in diesem falle der konstrukteur der anlage - hat abgedankt, und die neugier der protagonisten ersetzt den regisseur. besser kann design nicht funktionieren, denke ich mir, was für ein designer! bin wie berauscht von der atmosphäre des testens, des erkundens, des staunens. beobachte, wie jeder einzelne tänzer mit seiner ganz eigenen kraft die möglichkeiten schritt für schritt erweitert, wie sie alle gemeinsam improvisierend handeln, spielen, aufeinander treffen und wieder voneinander lassen. sie wechseln zwischen den seilen und gegen ende finden sie sich marionetten gleich mit mehreren klangkörpern verbunden. zuweilen bekommt das was sehr erotisches, zuweilen was sehr urgewaltiges.  szenenwechsel. zurück zur diplompräsentation in die aula der altehrwürdigen udk. wie trophäen stehen sie dort aufgereiht, all die technischen umlenkrollen, holzböcke, gurte und elektronischen bauteile. es hakt an allen ecken und enden, technisch wie organisatorisch. unbeholfen und dramaturgisch äusserst ungeschickt versucht der diplomant seinen professoren und den geladenen gästen sein gestalterisches konzept zu erklären. mit einem video, mit umständlichen erläuterungen, mit ein paar fotos. leitet dann über zu einem abgelesenen vortrag über das phänomen des staunens - der mich wiederum nur darüber staunen lässt, wie wenig er selbst über seine dürftigen erkenntnisse staunt. und endet mit der doch so spannenden frage: kann man staunen lernen? anstatt nun auf erkenntnisse aus seiner eigenen genialen installation zu verweisen, offenbart der protagonist seine geballte ahnungslosigkeit. die tänzer habe er ins system integriert, weil er sie schön finde in ihrer funktion. die fragen aus dem publikum zum zusammenhang zwischen staunen und der installation versteht er nicht, jedenfalls nicht zu diesem zeitpunkt - und ob das dargebotene gestalterische modell nun tatsächlich offener ist als andere, mit denen er während seines studiums bereits produktiv gescheitert ist, darauf möchte er sich nicht festlegen. diese ahnungslosigkeit macht mich fassungslos. wie kann ein hochschulabsolvent ein solch geniales projekt inszenieren und gleichzeitig so ratlos über dessen wirkung sein? einer, der die dimension seines geschaffenen nicht begriffen hat - ist das möglich, an einer der rennomiertesten kunsthochschulen deutschlands? warum nur haben ihn seine mentoren, seine professoren nicht schon im vorfeld darauf hingewiesen, dass er noch nicht so weit ist, seine wichtigsten schlüsse noch gar nicht gezogen hat? wäre ich der prüfer, ich hätte ihn mit dieser präsentation durchfallen und nach äusserster innerer einkehr nochmals antreten lassen. das hätte brillant werden können. und gleichzeitig hätte ich mich als mentor aber auch selbst fragen müssen, wo denn wohl meine eigene verantwortung liegt. dies am besten noch bevor man die nächsten studenten derart auflaufen lässt. der installation selbst ist zu wünschen, dass sie sich weiterentwickelt, dass sich tänzer darin weiter ausprobieren dürfen, dass sie auch einem breiteren publikum zugänglich wird - denn es steckt dort noch weit mehr drin, so ahne ich, als auch ich bislang erfassen kann.  kay strasser
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